Hospitation an der SchülerInnen-Schule und Werkcollege + Schulkollektiv in Wien

Vom 17.4. bis zum 21.4.2014 besuchte eines unserer Teammitglieder die SchülerInnen-Schule und Werkcollege+Schulkollektiv in Wien und konnte dort wertvolle Erfahrungen sammeln. Die Vorstellung der Einrichtungen sowie einen ausführlichen Erfahrungsbericht gibt es hier:

Bevor ich persönliche Erfahrungen und Erlebnisse meiner Hospitation anspreche, möchte ich als Einleitung  beide Schulen vorstellen. Dabei konzentriere ich mich absichtlich auf die wichtigsten Aspekte, um einen Überblick zu gewährleisten.

Das Schulkollektiv sowie die SchülerInnen-Schule, mitsamt dem so genannten Werkcollege, befinden sich auf einem gemeinsamen Stockwerk im WUK (Werkstätten- und Kulturhaus), das nach eigenen Angaben eines der größten autonomen Kulturzentren Europas ist.

Während das Schulkollektiv Kinder im Alter von 5 – 9 Jahren – was in etwa einer deutschen Grundschule entspricht – erzieht und begleitet, besuchen die SchülerInnen-Schule Kinder und Jugendliche in gemischtem Lebensalter von der 5. bis zur 9. Schulstufe. Das Werkcollege ist in der SchülerInnen-Schule integriert und versteht sich als Unterstützung bei der Berufsfindung und Vorbereitung auf den Übertritt in weiterführende Schulen.
1979 gegründet, ist Letztere eine der ältesten demokratischen Alternativschulen Österreichs und definiert sich als Gesamtschule mit Öffentlichkeitsrecht. Unterrichtet wird in beiden Schulen nach dem Glocksee-Lehrplan, der die Bereiche Gesellschaft, Sprache, Ästhetik und Natur umfasst.         Beide Schulen sind formal, organisatorisch und, nicht zu vergessen, wertmäßig, von Selbstbestimmung und Mitwirkung geprägt. Das heißt zum einen, dass Elternarbeit, wie abwechselndes Kochen, Pressearbeit, Putzen oder freiwillige Kursangebote sowie die Mitsprache von SchülerInnen in schulischen Entscheidungsprozessen in einem einmal wöchentlich stattfindenden, basisdemokratisch geführten, Plenum feste Bestandteile des Schulalltags sind. Zum anderen heißt das im Schulkollektiv, dass die Kinder regelmäßig
Einführungen von LehrerInnen zu fachlichen Themen sowie zum Umgang mit Lernmaterialen erhalten und danach in Freiarbeitsphasen selbstbestimmt den Gegenstand ihrer Auseinandersetzung wählen können. Dabei werden sie von LehrerInnen begleitet und gefördert. Ebenso wie in der SchülerInnen-Schule im Folgenden ausgeführt, gibt es im Schulkollektiv tagtägliche Angebote und zusätzlich regelmäßige Workshops, welche die Kinder zu festgesetzten Zeiten, neben den thematischen Einführungen und Freiarbeitsphasen, besuchen können.

In der SchülerInnen-Schule bedeutet Selbständigkeit in Bezug auf den Studienplan, dass sich die Kinder und Jugendlichen, in Begleitung und Absprache mit den LehrerInnen, zu Beginn des Schuljahres ihren eigenen Stundenplan mit facettenreichen Kursangeboten zusammenstellen, die von (gesellschafts-)politischer Bildung, Philosophie, Geschichte, Werken, Theater, Zirkus bis zu Medienprojekten reichen. Einzig die konventionellen, kulturtechnischen Fächer wie Deutsch, Mathematik oder Englisch haben obligatorischen Charakter, was bedeutet, dass Kinder und Jugendliche sie ein Mal pro Jahr belegen müssen. Neben diesen Kursen werden auch immer wieder Workshops zu Themen wie Mobbing, Rassismus, Homophobie oder Geschlechterrollen angeboten, in denen die SchülerInnen mit den LehrerInnen, oder eingeladenen schulexternen ExpertInnen zur jeweiligen Thematik, diskutieren, sich austauschen und Impulse zu Toleranz, Respekt und Offenheit im sozialen Miteinander erhalten.
Zu erwähnen ist weiterhin, dass sich die Schulen auch immer wieder ins gesellschaftspolitische Geschehen mit einbringen. So nahmen sie beispielsweise an Demonstrationen und Kundgebungen zum Bleiberecht oder gegen den Irak-Krieg Teil oder befreiten im Zentralfriedhof Wien jüdische Gräber von Efeu.
Nach der Vorstellung der mir für einen solchen Bericht am wichtigsten erscheinenden Aspekte beider Schulen, möchte ich meine eigenen Erlebnisse in Form eines Erfahrungsberichtes kurz festhalten. Diese Ausführung bezieht sich vornehmlich auf die Hospitation in der SchülerInnen-Schule, da ich dort, im Vergleich zum Schulkollektiv, die meiste Zeit verbrachte.

Am Montag, den 17.2.14 kam ich um etwa 8.30 Uhr beim WUK an und machte mich zunächst auf die Suche nach dem Stockwerk der SchülerInnen-Schule. Nachdem ich die Tür aufgrund eines Banners mit dem Schriftzug der Schule gefunden hatte, betrat ich eine Art größere, einladende Altbauwohnung mit hohen Decken und vielen Räumen, was auf mich sofort angenehm wirkte. Dass sich die Schule ganzheitlich als Lebens-, Wohn- sowie Lernraum versteht, wurde mir hier bereits klar. Nach einem freundlichen und interessierten Empfang von Lehrerin Eva, einem Urgestein der Schule, mit Kaffee und einführenden Infos zur Schule und zum Ablauf, wurde ich auch gleich ins Geschehen integriert. Simon, ein junger, motivierter Lehrer, nahm mich gegen Beginn des Schulalltags um 9.00 Uhr gleich mit zu seiner Stammgruppe. Diese kann man als eine Versammlung mit gegenseitigen Bezugspersonen verstehen, die aus etwa 15 SchülerInnen und einem/r LehrerIn besteht. Ergo gibt es mehrere Stammgruppen, die sich täglich zeitlich parallel zusammenfinden. In ihr werden Befindlichkeiten, Erfahrungen, Erlebnisse und/oder Konflikte zwischen den Kindern und Jugendlichen sowie LehrerInnen aufgefangen und besprochen. Nach der Stammgruppe strömen die SchülerInnen täglich um 9.30 Uhr in ihre Kurse aus. Ich besuchte jeden Tag unterschiedliche Kurse und war erstaunt von der, bereits oben erwähnten Vielfalt an Angeboten, die ich selbst in meiner Schullaufbahn und in Praktika, nie so erfahren hatte und in Anspruch nehmen konnte. Gegen Mittag gibt es ein gemeinsames Essen, das täglich abwechselnd von Elternteilen zubereitet wird. Hier konnte ich vermehrt  ins Gespräch mit den Eltern kommen, mit denen ich mich – ebenso wie mit den SchülerInnen und LehrerInnen – rund um das Thema Pädagogik, Erziehung, Schule und Demokratie, Politik und Schule, demokratische Prinzipien, über Haltungen und Motive etc. etc. sehr befriedigend und wirklich nett austauschen konnte. Nach dem Mittagessen ging es bis 17.00 Uhr weiter mit den Kursangeboten, bevor alle Kinder und Jugendlichen sowie LehrerInnen den Heimweg antraten, außer jenen, die noch Vorbereitungen treffen oder gemeinsame Absprachen abhalten mussten. Mir wurde in der Hospitationswoche immer wieder der hohe Anspruch und Aufwand klar, den eine Schule zu bewältigen hat, die nicht dogmatisch und hierarchisch geführt wird, sondern sich, durch die Etablierung demokratischer Mitspracherechte, dynamisch an die gesellschaftliche Realität und Belange, Interessen und Wünsche aller Beteiligten an Schule, anpasst und zusätzlich, von finanziellen bis infrastrukturellen Zuständigkeiten, selbstverwaltet ist beziehungsweise selbstverwaltet werden muss. Das Herz der Alternativschule, wenn man so will, ist das wöchentliche Plenum, in dem alle SchülerInnen und LehrerInnen im Konsensusprinzip über tagtägliche schulische und unterrichtliche Entscheidungen abstimmen. An dieser Stelle möchte ich auf den Artikel der Rektorin und Lehrerin Claudia auf Seite 5 und 6 verweisen, den sie für das interne WUK Info-Intern-Blatt vom Februar 2014 über das Thema Wieviel Struktur braucht die Alternativschule? verfasste. Der Artikel enthält unter anderem Beispiele, welche Angelegenheiten im Plenum besprochen werden und wie damit in diesem Schultyp umgegangen wird. Er skizziert ebenso den oben angerissenen Aspekt Schule im Wandel.

Mir fiel auf, dass die jüngeren Kinder des Schulkollektivs erst mit der Methode des Plenums und,  allgemein, gelebter Basisdemokratie vertraut werden und auch generell zu selbstverantwortlichen, selbständigen und selbstbestimmten Denken und Handeln erst hingeführt und begleitet werden mussten/müssen, während die älteren Kinder und Jugendlichen der SchülerInnen-Schule die Methode kompetenter praktizierten, aktiver mitgestalteten und diskutierten, sich mehr für individuelle, als auch gemeinschaftliche Belange zuständig fühlten, ergo demokratische Prinzipien wie Mitsprache und Verantwortung bewusst nutzten, lebten und sich darin übten.

Dies zeigt mir erneut auf, dass bildungspolitische Ziele wie etwa Mündigkeit oder/und Reflexions- und Kritikfähigkeit für eine konstruktive gesellschaftliche demokratische Teilhabe Hinführung, Erziehung und Begleitung benötigen. In diesem Sinne möchte ich abschließend mit dem Vorurteil einer laissez-faire oder permissiven Erziehung brechen, mit welchem unter anderem demokratische Schulen zu kämpfen haben. Wir sollten hier von freier Erziehung sprechen, nicht frei von Erziehung.

Alles in allem war es eine sehr positive, erkenntnisreiche Hospitation, in der ich gelebte Demokratie in der Schule erfahren konnte. Vor allem die Gesprächsbereitschaft und Offenheit aller an der Schule Beteiligten sowie das Interesse für meine Motive und meinen Besuch sowie das selbstbewusste Auftreten der Kinder und Jugendlichen waren prägnante, wirklich nette, schöne Eindrücke. Ich möchte diesen überblickshaften Bericht mit an mich gerichtete Worte eines Schülers beenden: „Geh zurück nach Regensburg und gründe sofort eine demokratische Schule!

 

 

Links
WUK Wien  – http://www.wuk.at

Schulkollektiv Wien – http://schulkollektiv-wien.wuk.at/
SchülerInnen-Schule Wien – http://www.schuelerinnenschule.at/

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